Präventiv wirken statt Symptome bekämpfen
Ölziehen ist ein fester Bestandteil der ayurvedischen Morgenroutine und wird zunehmend auch in der modernen Medizin als unterstützende Maßnahme zur Mund- und Allgemeingesundheit diskutiert. Im Interview erklärt Dr. Maria Bräuer, Ärztin für Allgemeinmedizin und Ayurveda, wie das Ölziehen zur Pflege der Mundschleimhaut beiträgt, Entzündungsprozesse regulieren kann und warum Prävention in ihrer ärztlichen Arbeit eine zentrale Rolle spielt. Sie zeigt, wie sich ayurvedische Prinzipien und schulmedizinisches Wissen sinnvoll ergänzen – und warum hochwertige pflanzliche Öle ein wichtiger Bestandteil eines gesunden Lebensstils sind.
Frau Dr. Bräuer, Sie sind Allgemeinmedizinerin und haben einen Master of Science für Ayurveda Medizin. Was ist das ayurvedische Ritual des Ölziehens?
Ölziehen zählt im Ayurveda eigentlich zur täglichen Morgenroutine – ähnlich wie Zähne putzen, und wird klassisch als „Gandusha“ bezeichnet. Wir reinigen hiermit unseren Mundraum und führen durch das Ölziehen eine Art „tägliches Detoxprogramm“ durch.
Wem empfehlen Sie eine Ölziehkur und warum?
Prinzipiell kann das tägliche „Gandusha“ jeder machen. Aber besonders von Vorteil ist es bei speziellen Indikationen wie Trockenheit der Mundschleimhaut bzw. des Rachens, Mundgeruch, Entzündungen des Zahnfleisches und der Mundschleimhaut, sogenannte Gigivitiden bzw. Stomatitiden aber auch bei Dysarthrie, das sind Wortbildungsstörung aufgrund einer Muskelschwäche bei neurologischen Erkrankungen.
Noch gibt es wenig wissenschaftliche Daten zum Thema Ölziehen, Studien beziehen sich meist auf kleinere Erhebungen, würden Sie sich mehr fundierte Auseinandersetzung zum Thema wünschen?
Jede wissenschaftliche Arbeit zu diesem Thema wäre selbstverständlich wünschenswert.
Haben pflanzliche Speiseöle in der Ayurvedischen Medizin eine besondere Stellung und wenn ja, welche?
Im Ayurveda werden Öle sowohl zur äußerlichen als auch innerlichen Anwendung benutzt und insofern sind auch Speiseöle wichtig. Sesamöl und Ghee dienen als Grundlage zur Herstellung medizinierter Öle, weil sie lt. Überlieferung die Eigenschaft haben, dass sie als sogenannte „Katalysatoren“ wirken. Im Ayurveda gibt es hierfür den Begriff des „yoga vahi“, was so viel bedeutet, dass Substanzen mit dieser Eigenschaft die heilende Wirkung anderer Substanzen verstärken und an den Körper abgeben können und gleichzeitig aber auch Toxine des Körpers binden und über das Verdauungssystem ausscheiden können.
Unser Blog setzt sich mit dem Thema hochwertiger pflanzlicher Speiseöle und ihrem Mehrwert für das Wohlbefinden auseinander. Was assoziieren Sie als Ärztin mit dem Thema Öl, Gesundheit und Wohlbefinden?
Im Ayurveda gilt es als Grundempfehlung, dass das Essen ausreichend mit gesunden Ölen angereichert ist, besonders um „Trockenheit“ zu beseitigen und somit ein erhöhtes Vata Dosha wieder in die Balance zu bringen. Außerdem ist uns die entzündungshemmende Wirkung des Omega-3 schon lange bekannt und dieses ist in zahlreichen gesunden Ölen enthalten.
Wir bei CulinaryMedicine starten den Tag gerne mit einem warmen Porridge mit einem Löffel Leinöl. Haben Sie ein Lieblingsspeiseöl oder -ritual und wenn ja, warum?
Ich persönlich habe kein Ritual mit einem speziellen Öl, abgesehen vom Ölziehen, das ich regelmäßig, aber auch nicht immer durchführe. Mein Tag startet eigentlich immer mit einem Glas heißem Wasser, das ich nach dem Aufstehen trinke. Zeitweise versetzt mit Ingwer, Pfeffer und Nelke, um mein Verdauungsfeuer zu aktivieren, dazu mache ein paar Yoga- bzw. Kraft- oder Dehnungsübungen.
Morgenrituale können sehr persönlich sein, die Zugabe von Leinöl zum Porridge ist sicherlich ein wunderbarer Start in den Tag, weil dadurch einerseits das wichtige Omega-3 zugeführt wird und andererseits die Sättigung länger anhält und man nicht so rasch wieder ein neuerliches Hungergefühl entwickelt. Im Ayurveda sind nämlich die Pausen zwischen der Nahrungsaufnahme extrem wichtig, damit der Nahrungsbrei vor Aufnahme einer neuen Mahlzeit vollständig verdaut wird.
Das kleine Ritual im Alltag, die sogenannte Me-Time – wie wichtig ist dieses Zeit nehmen für sich selbst Ihrer Meinung nach?
Eine Me-Time ist eigentlich unumgänglich für ein ganzheitliches Wohlbefinden. Ich empfehle jeden meiner Patienten täglich, sich ein wenig Ruhe zu gönnen. Sei es in Form eines Rituals, wie dem Ölziehen, Meditation, Yoga oder einfach nur bei Sonnenschein auf eine Parkbank zu sitzen und 10-15 Minuten abzuschalten. Wir leben in einer unglaublich „schnellen Zeit“, Stress und Zeitnot gehört praktisch zum Alltag dazu und daher wird es immer wichtiger, dass wir uns eine Pause gönnen. Wie diese gestalten wird, kann jeder individuell entscheiden.
Schulmedizin und Ayurveda – was ist der Vorteil dieser Kombination?
Der Ayurveda arbeitet im Gegensatz zur Schulmedizin viel weniger krankheitsorientiert. Ayurveda-Praktik setzt seinen Schwerpunkt auf die Prävention und damit auf einen gesunden Lebensstil. Es geht darum, die Ursache von Krankheiten zu finden und diese dann selbstverständlich auch zu vermeiden. Dieser Therapieansatz ist viel selbstbestimmter, aber natürlich nicht immer leicht. Das ganzheitliche Wohlbefinden von Körper, Geist und Seele bildet die Grundlage des Ayurveda und das bedeutet Gesundheit. Diese möchte ich bei meinen Patienten fördern, nicht nur Krankheiten behandeln.
Kurzbiografie
Dr. Maria Bräuer ist Ärztin für Allgemeinmedizin und Ayurveda im AyurVienna-Gesundheitszentrum am Stadtpark und bietet dort ärztliche Konsultationen mit dem Schwerpunkt Ayurveda- und Ernährungs-Medizin an. Schulmedizin und komplementärmedizinische Ansätze zu kombinieren, ist für Dr. Bräuer das ideale Konzept für eine ganzheitliche physische und psychische Gesundheit, die sie fördern möchte, um zukünftigen Erkrankungen einen Riegel vorzuschieben und die Beschwerden ihrer Patientinnen und Patienten bestmöglich zu behandeln.

