Ölziehen wirkt auf das orale Mikrobiom

Ölziehen gilt seit Jahrhunderten als ayurvedisches Ritual. Doch was sagt die moderne Wissenschaft dazu? Eine Pilotstudie der Universität Gießen zeigt erstmals mithilfe modernster mikrobiologischer Methoden, wie sich das Ölziehen mit standardisiertem Sonnenblumenöl auf das orale Mikrobiom auswirkt – und liefert spannende Erkenntnisse über unsere Mundgesundheit.

Was ist Ölziehen?

„Ölziehen“ ist ein ayurvedisches Verfahren, bei dem Pflanzenöl für 10–20 Minuten im Mund bewegt wird. Traditionell werden dafür Sesam-, Kokos- oder Sonnenblumenöl verwendet. Dem Ritual werden zahlreiche Wirkungen zugeschrieben: frischer Atem, weniger Zahnfleischbluten, stärkere Zähne und eine bessere Mundflora. Doch standardisierte, wissenschaftlich fundierte Untersuchungen gibt es dazu nur wenige. Eine Untersuchung aus dem Jahr 2020 möchte CulinaryMedicine vorstellen.


Die Studie im Überblick

Forscher und Forscherinnen des Instituts für Medizinische Mikrobiologie an der Justus-Liebig-Universität Gießen untersuchten drei gesunde, nichtrauchende Personen über 16 Tage.

  • Phase 1: Spülen mit Kochsalzlösung (Kontrolle)

  • Phase 2: sechstägige Pause

  • Phase 3: Ölziehen mit standardisiertem, raffiniertem Sonnenblumenöl (15 ml, 15 Minuten täglich)

Vor und nach jeder Einheit wurden Speichelproben genommen und mikrobiologisch ausgewertet – sowohl durch Kulturen als auch durch modernste 16S-rDNA-Sequenzierung, die das gesamte bakterielle Spektrum im Mund erfassen kann.


Die Ergebnisse

  • Ölziehen regt den Speichelfluss stärker an als Spülen mit Salzlösung.

  • Die Bakterienmenge im Mund reduzierte sich nach dem Ölziehen signifikant – im Durchschnitt um etwa 75–85 %.

  • Auch der Hefepilz Candida albicans nahm deutlich ab.

  • Nach 24 Stunden hatte sich das ursprüngliche orale Mikrobiom wieder hergestellt – der Effekt ist also vorübergehend, aber klar messbar.

  • Die Zusammensetzung der im Öl gefundenen Mikroorganismen entsprach weitgehend der individuellen Mundflora der Teilnehmenden. Das bedeutet: Das Öl „zieht“ tatsächlich die vorhandenen Mikroben aus der Mundhöhle heraus.

Die Forscher beobachteten zudem, dass die Öltropfen während des Ziehens Epithelzellen mitsamt anhaftender Bakterien umhüllen – ein physikalischer „Peeling-Effekt“, der vermutlich zur Reinigungswirkung beiträgt.


Innerhalb der Grenzen dieser kleinen Pilotstudie zeigt sich:

  1. Ölziehen kann die mikrobielle Belastung im Mund kurzfristig reduzieren, ohne die Balance der Mundflora nachhaltig zu stören.

  2. Es wirkt wie eine sanfte, natürliche Ergänzung zur täglichen Mundhygiene – besonders, wenn ein hochwertiges, standardisiertes Pflanzenöl verwendet wird.

Für eine belastbare Bewertung seien laut den Forschern größere klinische Studien nötig – insbesondere bei Menschen mit Zahnfleischentzündungen oder Parodontitis, wo pathogene Keime wie Porphyromonas gingivalis eine zentrale Rolle spielen.


Drei Fragen an Studienleiter Prof. Dr. Dr. Eugen Domann

Würden Sie sagen, dass Ölziehen – wissenschaftlich betrachtet – eine sinnvolle Ergänzung der Mundhygiene ist?
Definitiv, das war das vorrangige Ziel unserer Studie. Es gab zuvor zwar Untersuchungen zu einzelnen Mundkeimen, wie z. B. Streptococcus mutans. Unsere Studie ist allerdings die erste in diesem Umfang, da wir alle Bakterien durch die moderne Analyse des oralen Mikrobioms mittels Sequenzierung untersucht und nachgewiesen haben. Wir konnten eindeutig zeigen, dass durch das Ölziehen die Anzahl der Bakterien im Mund signifikant reduziert wurde. Das Ölziehen hat auch gegenüber der Verwendung von antiseptischen Mundspüllösungen den Vorteil, das orale Mikrobiom nicht zu zerstören; die Funktion bleibt erhalten. Es erfüllt wichtige Aufgaben wie z.B. immunologische und Abwehrmechanismen gegenüber Krankheitserregern, die durch die Mundhöhle eintreten können. Zu erwähnen ist, dass dadurch auch Viren in ihrer Menge reduziert werden. Das war allerdings nicht Gegenstand unserer Studie.

Halten Sie es für vielversprechend, künftig auch andere pflanzliche Öle (z. B. Distel oder Erdnuss) oder kaltgepresste Öle mit standardisiertem Verfahren zu untersuchen?
Ja, das ist möglich und sinnvoll. Da wir eine wissenschaftliche Untersuchung gemacht haben, haben wir uns auf kommerziell erhältliches, standardisiertes Sonnenblumenöl einer Firma konzentriert. Dieses von uns verwendete Öl kann jede Arbeitsgruppe auf der Welt bestellen. Ein Öl aus dem Supermarkt hätte unseren Ansprüchen nicht standgehalten, da es lokal variieren kann und die Ergebnisse hätten von anderen Arbeitsgruppen nicht wiederholt werden können. Wir müssen als Wissenschaftler denken und sollten entsprechend für unsere Forschungen nur standardisierte Produkte verwenden.

Sehen Sie Potenzial, dass Ölziehen nicht nur lokal, sondern auch systemisch im gesamten Körper – etwa über Entzündungsmarker – positive Effekte haben könnte?
Ja, das halte ich für möglich. Ich könnte mir z. B. Untersuchungen mittels der Massenspektroskopie oder biochemischer Verfahren vorstellen, um dies zu zeigen. Leider fehlte uns die personelle Kapazität, dies zu untersuchen. Ich hätte es gerne getan.


Kurzbiografie

Professor Dr. Dr. Eugen Domann hat in Würzburg an der Julius-Maximilians-Universität Biologie mit den Schwerpunkten Mikrobiologie, Genetik und Physik studiert. An der Justus-Liebig-Universität und dem Universitätsklinikum in Gießen war er am Institut für Medizinische Mikrobiologie stellvertretender Direktor und hat in den vergangenen sieben Jahren das Institut für Hygiene und Umweltmedizin in den Bereichen Forschung und Lehre geleitet. Seit dem 01.10.2025 befindet er sich im Ruhestand.


Buchtipp

Gesundheit beginnt im Mund. Wie Sie Ihre Mundflora stärken, Parodontitis bekämpfen und Krankheiten vorbeugen.

Erschienen im Riva Verlag, 2020
Dr. Anette Jasper
ISBN: 978-3-7423-1475-8

Zurück
Zurück

Omega-3 ist ein Schlüssel zu Longevity